Diesmal aber erlebte ich bein Spaziergang eine Überraschung. Am anderen Ende der Lagerzone haben sich hinter der vorletzen Baracke Frauen mit Koffern und Bündeln niedergelassen. Eine der zahlosen Sträflingsgruppen, die von irgendwoher nach irgenwohin geschickt werden und hier in einen Zug verladen werden. Inzwischen werden sie in unsere Lagerzone geparkt, in dieser Zeit spart sich die Wachmannschaft die Beaufsichtigung. Üblicherweise bleiben solche "Durchreisenden" schon aus Furcht von Überfallen dicht beieinander, da unser Lager als "Räuberhöhle" berüchtigt ist. Offensichtlich sind es politische Häftlinge in mehr oder weniger zerlumpten Lagerklamotten. Nure wenige Diebinnen sind dazwischen, an ihren weiten Röcken, Schaftstiefeln und malerisch um den Kopf geschlungnenen, fransenreichen Kopftüchern zu erkennen. Langsam und etwas unschlüßig schlendere ich näher und lasse meine Augen eher unbeteiligt schwiefen. Bekannte erwartere ich nicht, wen sollte ich denn schon kennen? Vielleicht ist dazwischen mal ein Gesicht von einem Menschen, der noch etwas vom Glanz der Freiheit erhalten ist. Im Laufe der Zeit verändert sich etwas im Ausdruck durch die Haft. Über den Augen lagert sich eine Art Mattgrauton ab, mitunter auch ueber den ganzen Individuum, ähnlich einer Aura. Leider kann ich mich selbst nicht sehen, um zu vergleichen. Spiegel gibt es nicht. Dieses Phänomen, das ich bei den Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt beobachte, beschäftigt mich. Es scheint irgendwie substantiell nicht fassbar und hängt wohl mit der seelischen Widerstanskraft des Individuums zusammen, mit seinen Möglichkeiten, sich gegen die immer währende Bedrohung durch unwirklich-wirkliche Feindseligkeit und böse Atmosphäre in dieser Welt zur Wehr zu setzen.
Plötzlich
erblicke
ich inmitten der vom Gulag monoton grau und gleichgemachten Wesen eine
aus dem Rahmen fallende Erscheinung, eine alte Dame mit vornehmen,
länglich
schmalen Gesichtszügen, umrahmt von langen silberwiessen Locken,
dei
von einem Stirnband gehalten werden. Eine wehmütige
Freundlichkeit
liegt in den ausdrucksvollen sanften Augen, viele Fältchen umgeben
den schmalen Mund, der aber ohne Bitterkeit bleibt. Sie ist schlank und
hochgewachsen und wirkt trotz der Wattekleidung anmutig. Etwas in
ihrem Blick spricht dafür, daß sie…
The silver-haired Madame Alexandrovna (excerpt, English translation)
This time, while on my rounds, I am taken quite by surprise. On the other end of the camp behind the next-to-the-last hut, women with suitcases and bundles in hand have taken up residence. No doubt, one of the countless refugee groups that are to be sent from some unnamed place to some other unnamed place that happen to be loaded onto a train here. In order to spare the need for guards to keep an eye on them, they were put here in our camp. Because our camp is rumored to be a veritable 'den of thieves' these transients usually stick very close to one another in the fear that they might get attacked. Obviously they are political prisoners in more or less ragged clothes. There are only a few thieves among them, recognizable in their wide skirts and high boots with frayed headscarves artfully worn. Slowly and somewhat indecisively I crept a little closer and scanned the scene with indifferent eyes. I certainly don’t expect to see anyone that I knew because, after all, who would I know ? Perhaps there is the face of a human being here and there who hasn’t been imprisoned for very long with eyes that still have that certain 'luster' of freedom. In prison facial expressions tend to change with the passing of time. A flat, gray color tints the eyes and as a matter of fact covers the entire body – similar to an aura. Unfortunately I can’t see myself in order to make a proper comparison. There aren’t any mirrors here. This phenomenon that pronounces itself in such vastly different ways in people has become somewhat of an occupation for me. I don’t seem to be able to grasp it and I think it depends entirely on the spiritual robustness of an individual and one’s possibility to defend oneself against the constant threat of unreal/real hostility and the inherent evil in the world.
Suddenly
amongst all these
creatures, made gray and monotonous by the gulag, something
extraordinary
catches my eye. It is an old woman with elegantly streamlined facial
features
framed by long silver curls that were swept up by a headband. One could
see a melancholy pleasantness in the expressive eye and many lines
around
the narrow mouth that show no hint of bitterness. She is tall and
slender and despite the simple cotton wool clothing has a charming air
about her. Something in her gaze tells me that……..